Wie funktioniert der Zinseszins?

Zinseszins heißt: Deine Erträge werden dem Kapital zugeschlagen und erwirtschaften ab dann selbst Erträge. 10.000 € bringen bei 7 % im ersten Jahr 700 €. Im zweiten Jahr rechnest du die 7 % auf 10.700 € — das sind 749 €. Jedes Jahr ist die Basis größer als im Jahr davor.
Genau deshalb ist die Kurve keine Gerade. Und genau deshalb ist die wichtigste Zutat nicht die Rendite, sondern die Zeit. Der Rest dieses Beitrags zeigt, wie stark der Effekt wirklich wird, wie du ihn im Kopf abschätzt — und wo er still gegen dich arbeitet.
Was passiert eigentlich in jedem einzelnen Jahr?
Nimm 10.000 € und 7 % pro Jahr. Im ersten Jahr passiert nichts Aufregendes: 700 € Zuwachs. Der Trick ist, was danach geschieht. Diese 700 € bleiben liegen. Im zweiten Jahr verzinsen sich also 10.700 € — Ergebnis: 749 €. Im dritten Jahr sind es 801 €.
Der jährliche Zuwachs wächst mit, weil die Basis mitwächst. Nach zehn Jahren liegt der Jahreszuwachs bei 1.287 €, nach dreißig Jahren bei 4.980 €. Das ist mehr in einem einzigen Jahr, als die ersten sieben Jahre zusammen gebracht haben — bei exakt derselben Rendite und ohne dass du einen Cent nachgelegt hast.
Wie funktioniert der Zinseszins? Erträge werden dem Kapital zugeschlagen, sodass die nächste Runde auf einer größeren Basis gerechnet wird. Aus 10.000 € werden bei 7 % im ersten Jahr 10.700 €. Im zweiten Jahr gelten die 7 % für die vollen 10.700 € und nicht nur für die ursprünglichen 10.000 €, also gibt es 749 € statt 700 €. Weil die Basis jedes Jahr größer ist als im Vorjahr, wird auch jeder Jahreszuwachs größer als der davor — die Kurve biegt nach oben ab, statt gerade zu verlaufen. In der Formel heißt das Endkapital = Startkapital × (1 + Zinssatz) hoch Anzahl der Jahre. Die Größe, die dabei fast alle unterschätzen, ist die Anzahl der Jahre: Sie steht im Exponenten, während der Zinssatz nur multipliziert wird. Zeit leistet hier mehr Arbeit als Rendite — und sie ist die einzige Zutat, die du später nicht nachkaufen kannst.
Die Zinseszinsformel in Worten
Endkapital = Startkapital × (1 + Zinssatz) hoch Anzahl der Jahre.
Drei Größen, mehr nicht. Für 10.000 € bei 7 % über 30 Jahre heißt das: 10.000 € × 1,07³⁰ = 76.123 €.
Die Formel sagt dir auch, welche Stellschraube wie stark wirkt. Zinssatz und Startkapital werden multipliziert — verdoppelst du eines von beiden, verdoppelt sich grob das Ergebnis. Die Jahre stehen dagegen im Exponenten. Dieselben 10.000 € liegen nach 15 Jahren bei 27.590 € und nach 30 Jahren bei 76.123 €: Die zweite Hälfte der Zeit bringt fast dreimal so viel wie die erste.
Wer mit 25 anfängt statt mit 35, kauft sich also nicht 10 Jahre dazu, sondern die ertragreichsten 10 Jahre — die am Ende, wo die Basis am größten ist. Das ist der ganze Grund, warum in jedem Ratgeber „fang früh an" steht.
Wie sehen 10.000 € bei 7 % über 30 Jahre aus?
Ohne eine einzige weitere Einzahlung.
| Jahr | Depotwert | Zuwachs in diesem Jahr |
|---|---|---|
| 1 | 10.700 € | 700 € |
| 2 | 11.449 € | 749 € |
| 3 | 12.250 € | 801 € |
| 5 | 14.026 € | 918 € |
| 10 | 19.672 € | 1.287 € |
| 15 | 27.590 € | 1.805 € |
| 20 | 38.697 € | 2.532 € |
| 25 | 54.274 € | 3.551 € |
| 30 | 76.123 € | 4.980 € |
Aus 10.000 € werden 76.123 €. Eingezahlt hast du 10.000 €, der Rest — 66.123 € — ist Wachstum auf Wachstum.
Schau dir die rechte Spalte an, nicht die mittlere. In den ersten Jahren passiert gefühlt nichts, und genau da steigen die meisten Menschen wieder aus. Ab Jahr 15 wird es interessant, ab Jahr 25 absurd. Die Belohnung für Geduld kommt am Ende, nie am Anfang.
Die 7 % sind dabei eine reale, also inflationsbereinigte Annahme — alle Beträge oben stehen in heutiger Kaufkraft. Warum diese Annahme sinnvoll ist und was hinter passivem Investieren steckt, steht ausführlicher in Investieren einfach erklärt.
Was passiert, wenn du jeden Monat einzahlst?
Dann läuft der Effekt auf jeder einzelnen Rate ab — nur mit unterschiedlicher Laufzeit. Deine erste Rate hat 30 Jahre Zeit, deine letzte einen Monat.
250 € im Monat über 30 Jahre bei 7 %: Du zahlst 90.000 € ein und hast am Ende 306.772 €. Der Zuwachs beträgt 216.772 € — mehr als das Doppelte der Einzahlungen.
| Nach | Eingezahlt | Depotwert |
|---|---|---|
| 10 Jahren | 30.000 € | 43.524 € |
| 20 Jahren | 60.000 € | 130.991 € |
| 30 Jahren | 90.000 € | 306.772 € |
Beachte, was zwischen Jahr 20 und Jahr 30 passiert: Du zahlst weitere 30.000 € ein, aber das Depot wächst um 175.781 €. In diesem Jahrzehnt arbeitet dein Geld deutlich härter als du.
Wann verdoppelt sich dein Geld?
Dafür gibt es eine Kopfrechenregel: die 72er-Regel. Teile 72 durch deine Rendite in Prozent, und du bekommst die ungefähre Anzahl Jahre bis zur Verdopplung.
- Bei 2 % (Tagesgeld in ruhigen Zeiten): 72 ÷ 2 = 36 Jahre
- Bei 5 %: 72 ÷ 5 = 14,4 Jahre
- Bei 7 %: 72 ÷ 7 = 10,3 Jahre
- Bei 10 %: 72 ÷ 10 = 7,2 Jahre
Wie genau ist das? Bei 7 % liegt die exakte Verdopplungszeit bei 10,2 Jahren — die Regel ist also auf ein Zehntel Jahr präzise, und sie funktioniert ohne Taschenrechner. Für Renditen zwischen etwa 4 % und 12 % ist sie so gut, dass der Unterschied zur exakten Rechnung in der Praxis egal ist.
Der praktische Nutzen: Bei 7 % verdoppelt sich dein Geld rund alle zehn Jahre. Aus 100.000 € mit 35 werden also grob 200.000 € mit 45, 400.000 € mit 55 und 800.000 € mit 65. Die letzte Verdopplung ist so viel wert wie alle vorherigen zusammen.
Warum Kosten genauso compounden
Das ist der Teil, den fast niemand fühlt, weil er nie auf einer Rechnung erscheint. Die Gesamtkostenquote (TER) eines Fonds wird täglich vom Fondsvermögen abgezogen — du siehst sie nie, du siehst nur eine etwas niedrigere Rendite. Und diese etwas niedrigere Rendite compoundet über Jahrzehnte genauso wie die Rendite selbst.
Dieselben 10.000 € über 30 Jahre, dieselbe Bruttorendite von 7 %:
| Produkt | TER | Nettorendite | Nach 30 Jahren |
|---|---|---|---|
| Günstiger Welt-ETF | 0,20 % | 6,80 % | 71.968 € |
| Klassischer aktiver Fonds | 1,50 % | 5,50 % | 49.840 € |
22.128 € Unterschied — für 1,3 Prozentpunkte jährliche Gebühr auf eine Einmalanlage von 10.000 €. Das ist mehr als das Doppelte der ursprünglichen Einzahlung, verschwunden in einer Zahl, die im Produktinformationsblatt in kleiner Schrift steht.
Die TER ist deshalb die eine Kennzahl, die du vor jedem Kauf nachschlagen solltest. Sie ist eine der wenigen Größen bei der Geldanlage, die du sicher kontrollieren kannst — die künftige Rendite nicht.
Wenn du mit deinen eigenen Beträgen, deiner eigenen Rendite und deiner eigenen TER rechnen willst: Der Zinseszinsrechner stellt Szenarien direkt nebeneinander, inklusive inflationsbereinigter Ansicht. Er ist kostenlos und braucht keine Anmeldung. Und wer sehen will, was eine echte Anlage in der Vergangenheit gebracht hätte, findet das im Rechner Was wäre, wenn ich investiert hätte.
Wie läuft der Zinseszins gegen dich?
Dieselbe Mathematik, andere Richtung. Ein Dispokredit oder ein offener Kreditkartensaldo wird ebenfalls auf den bereits aufgelaufenen Betrag verzinst — nur mit einem Zinssatz, den kein Aktienmarkt zuverlässig schlägt.
Wie hoch deiner ist, steht im Preis- und Leistungsverzeichnis deiner Bank; jedes Institut muss ihn dort ausweisen. Rechne einmal damit: 3.000 € Dispo zu 11 %, drei Jahre lang nicht getilgt, werden zu 4.103 €. Nach fünf Jahren sind es 5.055 €. Du hast nichts gekauft, nichts bekommen, nichts verbraucht — die Zahl ist einfach von allein gewachsen, exakt nach derselben Formel wie oben.
Und das ist kein Randphänomen. Nach der Vermögensbefragung 2023 der Bundesbank hatten 26 % der Haushalte in Deutschland unbesicherte Konsumschulden, mit einem Median von 6.000 € und einem Durchschnitt von 12.700 € (Deutsche Bundesbank, 2025).
Daraus folgt die einzige Reihenfolge, die hier Sinn ergibt: Erst teure Schulden tilgen, dann investieren. Eine getilgte Dispo-Schuld zu 11 % ist eine garantierte, steuerfreie Rendite von 11 % — die bekommst du an keiner Börse. Welche Schuld zuerst drankommt und warum die Antwort nicht immer die teuerste ist, steht im Vergleich von Schneeball und Lawine.
Der Zinseszins ist kein Trick und keine Magie. Er ist eine Formel, die in beide Richtungen läuft und der es egal ist, auf welcher Seite du stehst. Die einzige Entscheidung, die du triffst, ist welche.
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