FIRE-Zahl berechnen: Formel, Beispiel, Grenzen

August 20, 20267 min read
FIRE-Zahl berechnen: Formel, Beispiel, Grenzen

Deine FIRE-Zahl sind deine Jahresausgaben mal 25. Gibst du 39.000 € im Jahr aus, brauchst du rund 977.000 € — dann deckt eine jährliche Entnahme von 4 % genau diese Ausgaben. Entscheidend ist: Du rechnest mit deinen Ausgaben, nicht mit deinem Gehalt. Der Rest dieses Beitrags handelt davon, wann die Zahl stimmt und wann nicht.

Die 25 stammt aus dem Kehrwert von 4 %. Das ist die ganze Herleitung. Alles Schwierige an dieser Rechnung steckt nicht in der Multiplikation, sondern in der Zahl, die du hineinsteckst — und in den vier Fällen, in denen das 25-Fache die falsche Antwort gibt.

Wie berechnest du deine FIRE-Zahl in vier Schritten?

Schritt 1: Nimm deine Ausgaben der letzten zwölf Monate. Nicht dein Budget, nicht deinen Vorsatz — was tatsächlich vom Konto ging, inklusive Urlaub, Weihnachten und der kaputten Waschmaschine. Zwölf Monate deshalb, weil jährliche Posten wie Versicherungen und Reparaturen sonst durchs Raster fallen.

Schritt 2: Streiche, was im Ruhestand wegfällt. Der Sparbetrag selbst zuallererst — wer 1.000 € im Monat investiert, braucht diese 1.000 € im Ruhestand nicht mehr. Dazu kommen oft die Tilgung der Baufinanzierung, Pendelkosten, Berufskleidung, Kinderbetreuung.

Schritt 3: Addiere, was dazukommt. Kranken- und Pflegeversicherung, wenn du aus der Beschäftigung ausscheidest. Mehr Reisen, mehr Freizeit, mehr Zeit zum Geldausgeben. Bei den meisten heben sich Schritt 2 und Schritt 3 nicht auf — sie ergeben zusammen eine Zahl, die spürbar unter dem heutigen Nettoeinkommen liegt.

Schritt 4: Multipliziere mit 25. Fertig. Das Ergebnis ist ein Depotwert in heutiger Kaufkraft, weil die 4-%-Regel mit realen, also inflationsbereinigten Renditen arbeitet.

Wie berechnet man die FIRE-Zahl? Multipliziere deine jährlichen Ausgaben mit 25. Nimm dafür die tatsächlichen Ausgaben der letzten zwölf Monate, streiche alles, was im Ruhestand wegfällt — allen voran deine Sparrate, oft auch die Tilgung deiner Baufinanzierung und die Fahrtkosten zur Arbeit — und addiere, was neu dazukommt, vor allem die Beiträge zur Kranken- und Pflegeversicherung. 3.000 € Ausgaben im Monat sind 36.000 € im Jahr und damit eine FIRE-Zahl von 900.000 €. Die 25 ist der Kehrwert der 4-%-Entnahmerate: Ein Depot, aus dem du jährlich 4 % entnimmst, hielt in den historischen Simulationen einen Ruhestand von 30 Jahren durch. Das Ergebnis steht in heutiger Kaufkraft, weil die Regel mit realen Renditen rechnet. Planst du deutlich länger als 30 Jahre, nimm einen höheren Multiplikator: 28,6× für 35 Jahre, rund 31× für 40 Jahre. Umgekehrt senkt jedes garantierte Einkommen dein Ziel — 1.000 € gesetzliche Rente im Monat ersetzen rund 300.000 € Depot.

Was kostet dein Leben wirklich?

Die meisten unterschätzen diesen Schritt und überschätzen ihr Ergebnis. Ein Anhaltspunkt: Private Haushalte in Deutschland gaben 2024 im Schnitt 3.257 € pro Monat für den Konsum aus (Statistisches Bundesamt, Laufende Wirtschaftsrechnungen 2024). Das sind 39.084 € im Jahr — und damit eine FIRE-Zahl von rund 977.000 € für einen durchschnittlichen deutschen Haushalt.

Diese Zahl ist ein Ausgangspunkt, nicht deine Zahl. Der Durchschnitt enthält Miete für Mieter und Instandhaltung für Eigentümer, Familien und Singles. Deine eigene Zwölf-Monats-Auswertung schlägt jeden Durchschnitt.

Ein praktischer Hinweis: Wenn du diese Auswertung noch nie gemacht hast, ist das der eigentliche erste Schritt zu FIRE — nicht die Multiplikation. Die Multiplikation dauert zehn Sekunden, das ehrliche Zählen ein paar Abende.

Wie hoch ist die FIRE-Zahl bei welchen Ausgaben?

Die mittlere Spalte ist die klassische Antwort. Die beiden rechten zeigen, was dieselben Ausgaben kosten, wenn dein Ruhestand länger als 30 Jahre dauert — dazu gleich mehr.

Ausgaben/MonatAusgaben/JahrFIRE-Zahl (25×)35 Jahre (28,6×)40+ Jahre (30,8×)
2.000 €24.000 €600.000 €686.000 €738.000 €
2.500 €30.000 €750.000 €857.000 €923.000 €
3.000 €36.000 €900.000 €1.029.000 €1.108.000 €
3.257 € (Ø Deutschland)39.084 €977.000 €1.117.000 €1.203.000 €
4.000 €48.000 €1.200.000 €1.371.000 €1.477.000 €
5.000 €60.000 €1.500.000 €1.714.000 €1.846.000 €

Was an dieser Tabelle auffällt: Jede eingesparte 100 € im Monat senken deine FIRE-Zahl um 30.000 €. Das ist der Grund, warum Ausgabenreduktion in der FIRE-Rechnung doppelt zählt — sie erhöht deine Sparrate und senkt gleichzeitig das Ziel. Eine Gehaltserhöhung tut nur das Erste.

Wann ist das 25-Fache zu wenig?

Vier Fälle, und drei davon betreffen ausgerechnet die Leute, die FIRE ernst meinen.

Dein Ruhestand dauert länger als 30 Jahre. Die 4-%-Regel wurde für einen klassischen Ruhestand gebaut: mit 65 aufhören, bis 95 planen. Wer mit 45 aussteigt, finanziert womöglich 50 Jahre, und dafür ist die Rate zu hoch. Wie stark sie fallen muss und was die aktuelle Forschung dazu sagt, habe ich im Beitrag zur sicheren Entnahmerate und der 4-%-Regel im Detail auseinandergenommen — die kurze Fassung steht in den beiden rechten Spalten der Tabelle oben.

Das Reihenfolgerisiko trifft dich früh. Ein Crash in den ersten Ruhestandsjahren ist ungleich gefährlicher als derselbe Crash zehn Jahre später, weil du Anteile zu gedrückten Kursen verkaufst. Die Standardantwort darauf ist kein höherer Multiplikator, sondern ein Puffer: ein bis zwei Jahresausgaben in Tagesgeld, aus denen du in schlechten Jahren lebst, statt zu verkaufen.

Du rechnest brutto statt netto. Kapitalerträge sind in Deutschland steuerpflichtig. Auf Ausschüttungen und realisierte Kursgewinne fallen 25 % Abgeltungsteuer plus Solidaritätszuschlag an; bei Aktienfonds mindert die Teilfreistellung von 30 % die Bemessungsgrundlage, und der Sparerpauschbetrag stellt die ersten 1.000 € pro Person frei. Effektiv landest du bei einem Welt-ETF eher bei rund 18-19 % auf den Gewinnanteil. Wichtig: Besteuert wird nur der Gewinn in dem, was du verkaufst, nicht die gesamte Entnahme — die Steuerlast ist deshalb deutlich kleiner, als die Prozentzahl vermuten lässt, aber sie ist nicht null.

Du vergisst die Krankenversicherung. Wer vor der Rente aus der Beschäftigung ausscheidet und nicht familienversichert ist, zahlt seinen Beitrag selbst — ohne Arbeitgeberanteil. Das ist ein fester Monatsposten, der in Schritt 3 gehört und den amerikanische FIRE-Anleitungen völlig anders behandeln, weil dort ein ganz anderes System dahintersteht.

Wann ist das 25-Fache zu viel?

Seltener, aber es kommt vor — und dann sparst du dir Jahre.

Der wichtigste Fall: Du bekommst später gesetzliche Rente oder Betriebsrente. Ab dem Tag, an dem sie fließt, muss dein Depot weniger tragen. Jede 1.000 € garantiertes Monatseinkommen ersetzt bei 4 % rund 300.000 € Depot. Wer diesen Effekt in seiner Zahl unterschlägt, spart auf ein Ziel, das er gar nicht braucht. Die vollständige Rechnung dafür — inklusive der Frage, wie du eine erst in 20 Jahren beginnende Rente sauber einbaust — steht im Beitrag wie viel Geld du für die Rente brauchst.

Der zweite Fall: Du willst gar nicht komplett aufhören. Sobald ein Teilzeiteinkommen einen Teil der Ausgaben trägt, sinkt der Betrag, den das Depot liefern muss — und die FIRE-Zahl sinkt mit. Das ist keine Kapitulation, sondern eine eigene Strategie mit eigener Rechnung.

Der dritte Fall: Deine Ausgaben sinken planmäßig. Eine Baufinanzierung, die in zwölf Jahren abbezahlt ist, senkt deine Ausgaben ab diesem Zeitpunkt dauerhaft. Rechne dann nicht mit den heutigen Ausgaben, sondern mit den Ausgaben nach der letzten Rate.

Wie wird aus der Zahl ein Datum?

Die FIRE-Zahl sagt dir wie viel, nicht wann. Für das Wann brauchst du drei weitere Größen: dein heutiges Depot, deine monatliche Sparrate und eine Renditeannahme — üblich sind 7 % real, also nach Inflation.

Der Zusammenhang ist nicht linear, und das ist die gute Nachricht. Wer seine Sparquote von 30 % auf 40 % hebt, verkürzt den Weg nicht um ein Drittel, sondern um Jahre, weil beide Seiten der Gleichung gleichzeitig arbeiten: Du legst mehr zurück und brauchst weniger. Die Herleitung dieses Effekts und der Rest des Konzepts stehen in der FIRE-Bewegung erklärt.

Wenn du deine Zahl jetzt hast und wissen willst, wie lange sie tatsächlich trägt — mit inflationsangepassten Entnahmen und einem Ergebnisband statt einer einzelnen Linie — dann ist der Rechner Wie lange reicht mein Geld genau dafür da; er ist kostenlos und braucht keine Anmeldung. Und falls du mit dem Begriff FIRE selbst noch nicht viel anfangen kannst, ist die Übersicht Was ist FIRE der bessere Einstieg als diese Rechnung.

Rechne deine Zahl einmal aus und schreib sie auf. Sie wird sich ändern — jedes Jahr, wenn du deine Ausgaben neu auswertest. Genau deshalb ist sie nützlich: Sie macht aus einem vagen Wunsch einen Betrag, den du im Auge behalten kannst.

Häufig gestellte Fragen

Warum ausgerechnet mal 25?
Weil 25 der Kehrwert von 4 % ist: 1 geteilt durch 0,04 ergibt 25. Ein Depot, aus dem du jährlich 4 % entnimmst, hat also genau das 25-Fache deiner Jahresausgaben. Willst du mit einer anderen Rate rechnen, teile einfach 1 durch diese Rate — bei 3,5 % ergibt das den Faktor 28,6, bei 5 % nur noch 20.
Rechne ich mit Brutto- oder Nettoausgaben?
Mit dem, was tatsächlich vom Konto geht — also mit dem, was du wirklich zahlst. Die Steuer auf deine späteren Entnahmen kommt oben drauf und gehört als eigener Posten in deine Jahresausgaben. Sie ist kleiner, als viele denken, weil nur der Gewinnanteil der verkauften Anteile besteuert wird, nicht die gesamte Entnahme.
Soll ich die gesetzliche Rente in meine FIRE-Zahl einrechnen?
Du kannst, und mathematisch ist es korrekt: Jede 1.000 € garantiertes Monatseinkommen ersetzt bei 4 % rund 300.000 € Depot. Der Haken ist der Zeitpunkt — die Rente beginnt erst mit Mitte 60, das Depot muss die Jahre davor allein tragen. Rechne deshalb in zwei Phasen statt mit einer einzigen Zahl, oder lass die Rente bewusst als Sicherheitspuffer draußen.
Zählt mein Eigenheim zur FIRE-Zahl?
Nein, jedenfalls nicht als Teil des Depots — es zahlt dir keine 4 % im Jahr aus. Es wirkt auf der anderen Seite der Gleichung: Ein abbezahltes Haus senkt deine Wohnkosten und damit deine Jahresausgaben, und über die Ausgaben senkt es deine FIRE-Zahl. Instandhaltung und Nebenkosten bleiben dabei natürlich in den Ausgaben stehen.
Was, wenn ich meine FIRE-Zahl erreiche und der Markt einbricht?
Dann greift das Reihenfolgerisiko, und genau dafür gibt es zwei Standardantworten. Erstens ein Cash-Puffer von ein bis zwei Jahresausgaben, aus dem du in schlechten Jahren lebst, statt Anteile zu gedrückten Kursen zu verkaufen. Zweitens Flexibilität bei den Ausgaben: Wer in einem Crashjahr 10 % weniger entnimmt, verbessert die Erfolgswahrscheinlichkeit seines Plans erheblich.
Muss ich meine FIRE-Zahl jedes Jahr neu berechnen?
Einmal im Jahr reicht, und zwar nachdem du deine tatsächlichen Ausgaben der letzten zwölf Monate ausgewertet hast. Die Zahl bewegt sich mit deinem Leben — ein Kind, ein Umzug, eine abbezahlte Baufinanzierung verändern sie deutlich. Die Renditeannahme und den Multiplikator lässt du dabei besser stabil, sonst rechnest du dir das Ziel je nach Stimmung schön oder schlecht.

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