Wie viel Geld brauche ich für die Rente?

August 20, 20267 min read
Wie viel Geld brauche ich für die Rente?

Nimm deine Jahresausgaben im Ruhestand, ziehe alles garantierte Einkommen ab — gesetzliche Rente, Betriebsrente, Mieteinnahmen — und multipliziere den Rest mit 25. Wer 42.000 € im Jahr braucht und 16.800 € Rente bekommt, muss 630.000 € aufbauen statt 1.050.000 €. Die Rente ist der größte Hebel in dieser Rechnung.

Genau diesen Schritt lassen die meisten Anleitungen aus, weil sie aus den USA kommen. Dort gibt es keine gesetzliche Rente in dieser Form, also multipliziert man dort die vollen Ausgaben mit 25. In Deutschland wäre das ein Ziel, das mehrere hunderttausend Euro zu hoch liegt — und mehrere Jahre Arbeit zu lang.

Wie viel gibst du im Ruhestand tatsächlich aus?

Fang nicht beim Gehalt an, sondern bei den Ausgaben. Als Orientierung: Private Haushalte in Deutschland gaben 2024 im Schnitt 3.257 € pro Monat für den Konsum aus, das sind 39.084 € im Jahr (Statistisches Bundesamt, Laufende Wirtschaftsrechnungen 2024).

Deine Zahl im Ruhestand sieht anders aus als heute, und zwar in beide Richtungen. Weg fallen: deine Sparrate, die Tilgung der Baufinanzierung, Fahrtkosten zur Arbeit, Kinder im Haushalt. Dazu kommen: mehr Zeit für Reisen und Hobbys in den ersten aktiven Jahren, später Gesundheitskosten und irgendwann möglicherweise Pflege.

Die verbreitete Faustformel „80 % des letzten Nettoeinkommens" ist bequem, aber sie misst die falsche Größe. Wer 50 % gespart hat, braucht keine 80 % — er braucht die 50 %, die er tatsächlich ausgegeben hat. Nimm deine echten Ausgaben der letzten zwölf Monate und korrigiere sie um die beiden Listen oben.

Wie viel Geld brauche ich für die Rente? Rechne mit Ausgaben, nicht mit Einkommen. Ermittle deine Jahresausgaben im Ruhestand, ziehe alles garantierte Einkommen ab — gesetzliche Rente, Betriebsrente, Riester- oder Rürup-Rente, Mieteinnahmen — und multipliziere die verbleibende Lücke mit 25. Bei 3.500 € Ausgaben im Monat und 1.400 € gesetzlicher Rente bleibt eine Lücke von 25.200 € im Jahr und damit ein Kapitalbedarf von 630.000 €, statt 1.050.000 € ohne Rente. Die 25 kommt aus der 4-%-Entnahmerate: Jede 1.000 € garantiertes Monatseinkommen ersetzt rund 300.000 € Depot. Willst du deutlich vor der Regelaltersgrenze aufhören, rechne konservativer — bei Horizonten von 35 bis 40 Jahren gilt eher eine Rate von 3,25 bis 3,5 %, also ein Multiplikator von 28,6 bis 31 statt 25. Und plane die Jahre zwischen Ausstieg und Rentenbeginn getrennt: In dieser Brücke trägt das Depot alles allein.

Wie stark senkt die gesetzliche Rente dein Ziel?

Das ist die zentrale Rechnung, und sie ist erfreulich simpel. Ein garantiertes Einkommen ersetzt Kapital. Wie viel, sagt dieselbe 4-%-Regel, nur rückwärts gelesen: 1.000 € im Monat sind 12.000 € im Jahr, und 12.000 € geteilt durch 0,04 ergeben 300.000 €.

Garantiertes Einkommenpro Jahrersetzt an Kapital
500 €/Monat6.000 €150.000 €
1.000 €/Monat12.000 €300.000 €
1.500 €/Monat18.000 €450.000 €
2.000 €/Monat24.000 €600.000 €

Was du dafür einsetzt, steht in deiner jährlichen Renteninformation. Zur Einordnung: Der aktuelle Rentenwert liegt ab 1. Juli 2026 bei 42,52 € pro Entgeltpunkt (Deutsche Rentenversicherung). Die vielzitierte Standardrente — 45 Jahre mit stets durchschnittlichem Verdienst — ergibt damit 45 × 42,52 € = 1.913 € brutto im Monat. Brutto ist hier wichtig: Davon gehen noch Kranken- und Pflegeversicherung ab, und ein Teil ist steuerpflichtig. Rechne mit dem Netto-Zahlbetrag, nicht mit der Bruttozahl aus dem Brief.

Zwei Einschränkungen, die du nicht wegdiskutieren solltest. Erstens ist der künftige Rentenwert eine politische Größe, keine vertragliche Zusage — je weiter dein Rentenbeginn weg ist, desto konservativer solltest du ansetzen. Zweitens: Die Rente beginnt erst mit Mitte 60. Alles davor musst du komplett selbst tragen.

Was brauchst du bei welchen Ausgaben?

Zeilen sind deine Ausgaben, Spalten dein garantiertes Monatseinkommen. In der Tabelle steht der Kapitalbedarf bei 4 % Entnahme.

Ausgaben/MonatAusgaben/Jahrohne Rente1.000 € Rente1.500 € Rente2.000 € Rente
2.500 €30.000 €750.000 €450.000 €300.000 €150.000 €
3.000 €36.000 €900.000 €600.000 €450.000 €300.000 €
3.500 €42.000 €1.050.000 €750.000 €600.000 €450.000 €
4.000 €48.000 €1.200.000 €900.000 €750.000 €600.000 €
4.500 €54.000 €1.350.000 €1.050.000 €900.000 €750.000 €

Lies die Tabelle einmal von links nach rechts: Dieselben Ausgaben, unterschiedliche Rentenansprüche — und die Zahl halbiert sich. Das ist kein Rechentrick, sondern der Grund, warum ein deutsches Ruhestandsziel systematisch niedriger liegt als ein amerikanisches.

Nur mit einer Bedingung: Die rechten Spalten gelten erst ab Rentenbeginn. Wer mit 67 aufhört, kann sie direkt verwenden. Wer früher aussteigt, braucht zusätzlich eine Brücke.

Was ändert sich, wenn du früher aufhören willst?

Drei Dinge, und alle drei erhöhen den Betrag.

Die Brücke bis zum Rentenbeginn. Zwischen Ausstieg und erster Rentenzahlung trägt dein Depot 100 % der Ausgaben. Wer mit 60 aufhört und mit 67 Rente bekommt, finanziert sieben Jahre voll — bei 42.000 € Jahresausgaben also rund 294.000 €, die zusätzlich zum Kapital aus der Tabelle bereitstehen müssen. Rechne diese Phase getrennt, sonst geht sie in der Gesamtzahl unter.

Die Abschläge. Wer die Altersrente vor der Regelaltersgrenze in Anspruch nimmt, zahlt dafür: 0,3 % Abschlag pro Monat des vorgezogenen Bezugs, maximal 14,4 % bei vier Jahren (Deutsche Rentenversicherung). Und der Abschlag bleibt lebenslang. Eine Rente von 1.500 € wird so dauerhaft zu 1.284 € — was nach der Rechnung oben rund 65.000 € zusätzliches Kapital bedeutet.

Die niedrigere Entnahmerate. Die 4-%-Regel wurde für 30 Jahre Ruhestand entwickelt. Wer mit 55 aufhört, plant eher 40 Jahre, und dafür ist sie zu optimistisch — realistischer sind dann 3,25 bis 3,5 %, also ein Multiplikator von 28,6 bis 31 statt 25. Woher diese Zahlen kommen und warum die Forschung sich uneinig ist, steht ausführlich im Beitrag zur sicheren Entnahmerate und der 4-%-Regel.

Nicht zu vergessen: die Krankenversicherung. Wer vor der Rente aus der Beschäftigung ausscheidet, zahlt seinen Beitrag ohne Arbeitgeberanteil selbst. Das ist ein fester Monatsposten, der in deine Ausgabenliste gehört — und einer der Gründe, warum ein Teilzeitjob bis zum Rentenbeginn für viele die pragmatischere Lösung ist als der komplette Ausstieg.

Wie lange muss das Geld reichen?

Länger, als die meisten annehmen. Nach der Sterbetafel 2023/2025 hat ein 65-jähriger Mann in Deutschland statistisch noch 18,0 Jahre vor sich, eine 65-jährige Frau 21,1 Jahre (Statistisches Bundesamt).

Der entscheidende Punkt daran: Das ist ein Durchschnitt, und die Hälfte lebt länger. Für die Planung ist nicht der Erwartungswert relevant, sondern das Risiko, das Geld zu überleben. Wer mit 65 aufhört, sollte deshalb bis mindestens 90 planen, in einer Partnerschaft eher bis 95 — denn dort zählt, wer von beiden zuletzt lebt.

Wenn du sehen willst, wie lange deine konkrete Zahl trägt — mit inflationsangepassten Entnahmen statt einer geraden Linie — dann rechnet der Rechner Wie lange reicht mein Geld genau das durch. Er ist kostenlos und braucht keine Anmeldung.

Welche vier Fehler ruinieren die Rechnung?

Mit dem Einkommen rechnen statt mit den Ausgaben. Dein Gehalt sagt nichts darüber, was dein Leben kostet. Nur deine Ausgaben tun das.

Die Rente doppelt einbauen. Entweder du ziehst sie von den Ausgaben ab (wie oben), oder du addierst ihren Kapitalwert zum Depot. Beides zusammen halbiert dein Ziel fälschlich ein zweites Mal.

Brutto mit netto verwechseln. Die Zahl in der Renteninformation ist brutto. Die Zahl in deiner Ausgabenrechnung ist netto. Dazwischen liegen Kranken- und Pflegeversicherung sowie Steuern.

Nominal mit real verwechseln. Alle Zahlen hier stehen in heutiger Kaufkraft, weil sie mit realen Renditen gerechnet sind. Wenn du stattdessen mit 7 % nominal rechnest und die Inflation vergisst, sieht dein Plan um Jahrzehnte zu gut aus.

Wenn du noch nicht weißt, mit welchem Vermögen du heute startest, ist das der Schritt davor: Nettovermögen berechnen zeigt, welche Positionen dazugehören und welche — wie Rürup und die gesetzliche Rente — bewusst draußen bleiben. Und wer aus dieser Rechnung ein Datum machen will, findet die dazugehörige Ansparphase im Beitrag FIRE-Zahl berechnen.

Rechne deine Zahl einmal aus, und dann noch einmal ohne die gesetzliche Rente. Der Abstand zwischen beiden Ergebnissen ist ungefähr das, was dieses System für dich wert ist — und ein guter Grund, deine Renteninformation nicht ungeöffnet abzuheften.

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